Willkommen und Abschied

Donnerstag, 13.06.2013

Der heutige Donnerstagmorgen bringt: eine schlaflose Nacht, verschieden geartete Abschiede, letzte Sankt-Petersburger Erlebnisse, Tabellen- und Textfazit und ganz grauenhaften Tee

Es ist 5:29 Uhr, Ich sitze ich am Flughafen "Pulkovo 2" in Sankt Petersburg in einem Café Namens "Schokoladniza", vor mir ein kleines Kännchen bitteren, gelbe Tees für sündhafte 230 Rubel (6 Euro), und schreibe meinen letzten Blogeintrag aus dem Kühlschrank. Die Nacht ist heute ausgefallen - nicht nur wegen der "Weißen Nächte", sondern auch für mich persönlich. In der letzten Nacht in St. Petersburg hat man besseres zu tun als zu schlafen. Besonders, wenn man sonst immer durch die Ausgangssperre des Wohnheims daran gehindert wird, sich draußen rumzutreiben, besonders, wenn sich Nachts nun wieder die Brücken der Neva öffnen, und ganz besonders, wenn gerade die weißen Nächte sind!

Was habe ich seit meinem letzten Blogeintrag erlebt? Vor allem natürlich viele Abschiede, die alle recht unterschiedlich ausgefallen sind. Von Olga habe ich mich am Telefon verabschiedet. Sie musste recht spontan (wie immer) wegen ihrer Arbeit nach Dänemark reisen (wie jeden Sommer) und hatte am Tag vor ihrer Abreise von früh bis spät zu tun (wie fast immer). Ich hätte ihr natürlich gerne noch persönlich und ausführlich gedankt für alles, was sie für mich getan hat. Vielleicht sehe ich sie im Sommer in Deutschland.

Von meiner Russischlehrerin hab ich mich ebenfalls am Telefon verabschiedet. Denn obwohl nach meiner letzten Russischstunde klar war, dass wir uns persönlich wohl nicht so bald wiedersehen, stand uns beiden offenbar nicht so der Sinn nach Abschied. Nicht ohne Stolz konnte ich ihr am Telefon aber noch mitteilen, dass ich meine Russischprüfung bestanden habe! Am Montag und Dienstag habe ich nämlich freiwillig die Prüfung des ersten Jahres abgelegt, die dem Niveau B1 entspricht. Am Montag gab es einen schriftlichen Test, erst Grammatik, dann wurde ein Text vorgelesen, den man schriftlich nacherzählen musste. Und Dienstag war mündliche Prüfung. Auf die ich erstmal zwei Stunden gewartet habe, um dann fünf Minuten zu erzählen. Den Vorprüfling habe ich miterlebt, ein Asiate, der leider fast gar nicht sprechen konnte. Umso besser für mich - nicht ohne stolz darf ich feststellen, dass die Kommission sich begeistert zeigte, wir immer wieder vom Prüfungsthema ins Plaudern gekommen sind, und ich schließlich die beste Note bekommen habe. Man kann sich vorstellen, wie ich geschwebt bin!! Niemals hätte ich mir das vorstellen können, als ich vor einem dreiviertel Jahr mit Olga im International Office saß, willkürliche Verträge unterschrieb und kein Wort verstand. Also - was kann ich jetzt? Ich würde sagen: Ich bin überlebensfähig. Alltagsgespräche verstehe ich ausreichend und kann auch irgendwie das zusammenstöpseln, was ich sagen will. Auch wenn ich von richtiger Grammatik und einem ausreichend großen Wortschatz wirklich noch sehr weit entfernt bin. Vor zwei Jahren schenkte mir Olga ein etwas betextetes Bilderbuch auf russisch über St. Petersburg, und ich fragte mich, ob ich das wohl jemals lesen können werde? Demnächst wird das ausprobiert.

Auch Petros Dirigierprofessor hat mich sehr rührend entlassen. Nach Petros Dirigierprüfung am Samstag hat er mich wie immer selbstverständlich mit zur Nachbesprechung genommen und sich auch regelmäßig erkundigt, ob ich denn alles verstehe. Er hat mich außerdem bestimmt zum dritten Mal eingeladen, doch nächstes Jahr unbedingt wiederzukommen und Klavierkonzerte zu spielen (welche und soviele ich will), denn Solokonzerte sind dann für Petros Haupt- und Prüfungsinhalt des dritten Studienjahres. Er wünschte mir alles Gute und verabschiedete mich mit einem Wangenkuss.

Meine letzte Klavierstunde dauerte 40 Minuten. Ich habe die Fuge von Ravel aus dem Zyklus "Le Tombeau de Couperin" gespielt, den ich schon seit sieben Jahren spielen will und nun endlich, endlich komplett habe. Meine Lehrerin hat mich mit Petros und Enrique dann am Sonntag zu sich nach Hause eingeladen (was sie schon seit Monaten vorhatte), um uns die neue Küche vorzuführen, die seit neun Monaten im Bau war. Die Küche ist winzig, aber nun gemütlich (der Rest der Wohnung ist teilweise Bruchbude!), sie hatte Suppe gekocht und machte in unserem Beisein Blini, russische Pfannkuchen, hier sehr beliebt und berühmt. Wir waren bestimmt vier bis fünf Stunden dort und haben uns unterhalten, vor allem hat sie geredet und erzählt. Aus ihrer Studienzeit, von unmenschlichen Prüfungen und Professoren, Intriegen der Hochschulen, stinkenden Studenten, guten und schlechten Pianisten und ganz vielem anderen. Alles war spannend zu hören und ich habe auch vieles verstanden. Nach fünf Stunden wars dann aber genug :P Sie sagte, ich müsse doch nochmal zu Besuch kommen, damit sie Borsch kochen kann, und auf meine Nachfrage war sie auch gleich zu ein paar Privatstunden bereit, sollte ich mal wieder im Lande sein. Außerdem lobte sie mich, dass ich mich ja sehr weiterentwickelt hätte und sie das am Anfang niemals für möglich gehalten hätte. Wird als Kompliment gewertet - vielen Dank :-)

Von meinen internationalen Komilitonen habe ich mich mit einer kleinen Abschiedsfeier verabschiedet und wir haben ein letztes Mal unser verrücktes Spiel Jungle Speed gespielt, Andreas Schokokuchen gegessen und uns unterhalten. Ich bin gespannt, wie es mit manchen von Ihnen weitergeht. Andreas hat demnächst Klavier-Aufnahmeprüfung. Der eklige Mitbewohner Joseph sucht wohl eine Anstellung und findet keine. Kürzlich hat er mal Tintenfische auf dem Herd vergessen und es hat so furchtbar gestunken, dass man in der Küche noch Stunden danach kaum atmen konnte. Er hat nichtmal den Computerraum verlassen, als man ihn darauf hinwies (der Herd war ja schon ausgestellt). Der schwerste Abschied fand hier am Flughafen statt, mein Dirigent ist soeben Richtung Finanzkrise abgeflogen. Überhaupt waren die letzten Tage emotional, geistig, psychisch, physisch, organisatorisch und auf sonstigen Ebenen anstrengend. Nach einem Jahr hat man sich gerade eingelebt und reist dann wieder ab - eigentlich ganz schön grausam. Wäre ja nicht so, dass ich mich nicht freue (dazu später noch), aber so ein End-Tag am nahenden Horizont macht doch irgendwie nervös...

Beim Abschied

Die letzten Tage habe ich genutzt, um noch ein paar Dinge anzugucken und ein vorerst letztes Mal die Stadt zu durchstreifen. Ich war nochmal auf der Insel mit den vielen Eichhörnchen (leider haben sich keine Blicken lassen), bin mit einem Schnellboot-Wassertaxi auf der Neva gefahren, habe den Vater von Maris Jansons auf einem riesigen, überwucherten Fridedhof gesucht (leider nicht gefunden, war aber trotzdem amüsant). Ich habe das Dörfchen Puschkin mit dem berühmten Katharinenpalast besucht, in dem sich das wirklich atemberaubende Bernsteinzimmer befindet, habe mir selbst ein kleines Andenken gekauft, war nochmal im Marinskij-Theater (Don Giovanni), habe einige erinnerungsträchtige Orte der Stadt wieder gesehen. Habe mit vielen anderen Touristen nachts die Sonne unter- und die Brücken über der Neva aufgehen sehen und große Schiffe bewundert. Und nach drei Stunden, in denen es nur dämmrig war, ging die Sonne dann auch wieder auf.

Was steht auf dem Schild? :) huhu!Der Katharinenpalast im Palast alles voller Reichtumim großen Park vom Palast fings an zu regnen. Aber Anne fand ein schönes trockenes Plätzchen keine Lust mehr auf spazieren gehen? Dabei gibts manchmal echte Naturschönheiten zu entdecken. Man kann aber auch... mit der Metro fahren oder mit dem Wassertaxi!! Will man hier begraben sein? Jedenfalls viel idyllischer als bei uns. Falls es mal einer braucht: links das deutsche Konsulat von St. Petersburg

Eine kleine Kirche in der Nähe von Olgas Wohnung Die Sonne... geht unter... Anne mit Zauberkugel? Nachts um kurz vor halb 2 alle warten gespannt dass die Brücke sich öffnet! hier gehts wohl nicht weiter. Pech - drei Stunden warten...

 

F A Z I T in Aufzählung:

Was ich in Russland nirgends im Laden gefunden habe:

  • Einen Sofort-Fotodrucker
  • Kürbisse
  • 100%igen Kakao
  • Frischhaltefolie

Was ich verloren habe:

  • Ein paar schwarze Schuhe
  • Eine schwarze Hose (hat sich zum Schluss bei Olga wiedergefunden, falls es denn dieselbe ist)
  • mindestens einen Bleistift
  • eine unbestimmte Anzahl an Socken
  • ein Hühnerauge
  • meine aktiven Französischkenntnisse (muss den "Schalter" wieder finden)
  • einen tiefen und einen flachen Teller
  • eine 32 GB-Speicherkarte, die neu war und mit der leider ein Konzertmitschnitt von Petros und meinem Kammermusikkonzert verloren ging
  • einen grünen Ohrring (ich hab dafür eine Haarspange im Park gefunden, allerdings eine ziemlich kitschige)

Was ich vermissen werde:

  • einige besondere Menschen
  • die riesige Auswahl an sehr günstigen, aber erstklassigen Konzerten
  • einige kulinarische Köstlichkeiten, wie Borsch, Baltiskij-Tort (so eine Art rechteckiger, kuchengroßer Schokoriegel), Quark-Riegel (dagegen ist Kinderpingui gar nichts...),
  • den ultragünstigen Handyvertrag und den billigen Nahverkehr, vor allem die schöne Metro 
  • Die Internationalität und Sprachen

Worauf ich mich in Deutschland freue:

  • einige besondere Menschen
  • 120 Minuten Klavierunterricht die Woche bei meiner unersetzbaren Klavierprofessorin
  • Supermärkte mit Auswahl, vor allem an gutem Obst, Gemüse, Käse, Wurst und Brot
  • die Fußgängerzonen
  • Mülltrennung und saubere Straßen
  • räumliche Nähe und Fahrrad
  • nicht-stinkendes, trinkbares Wasser aus dem Hahn
  • ein eigenes Zimmer, das ich verlassen und betreten kann, wann es mir gefällt
  • wieder mal in der Muttersprache sprechen und alles verstehen
  • die guten Instrumente

 

Ungefähr neun Monate habe ich jetzt in Russland gelebt. Einerseits scheint der letzte August noch nicht sehr lange her zu sein, und die Anne von damals ist die Anne von heute. Andererseits habe ich in der kurzen Zeit so viel erlebt, dass ich das Gefühl habe, bei "fünf Jahre spannende Erlebnisse" auf "auswählen" und bei Annes Gehirn auf "einfügen" geklickt zu haben. Ich habe so viel Neues gesehen, gehört, erlebt, getan und erfahren, Schönes, Erschreckendes, Ungewohntes, Erstaunliches. Da kann man sich noch so sehr bewusst machen, wie gut wir es in Deutschland haben - wenn man im Lebensstandart auch nur ein, zwei Stufen absteigt, fühlt sich der deutsche Luxus plötzlich ganz anders an. Es ist toll, mal in der Position des ahnungslosen Ausländers zu sein, der die offensichtlichsten Dinge nicht kapiert und dauernd missverstanden wird. Ich kann jetzt bestens nachvollziehen, dass sich da manchmal echte Aggression aufbaut, wenn man etwas braucht oder weiß und sagen will, aber es versteht einfach keiner. Das ist ganz anders, als wenn man die Antwort tatsächlich nicht weiß, denn nun ist nicht man selbst, sondern eine gefühlte "höhere Gewalt" schuld, am besten noch das Gegenüber, das sich ja beim Verstehen gefälligst mehr mühe geben soll. Und überhaupt hat man sich doch klar ausgedrückt, warum hat das jetzt keiner kapiert??

Es ist interessant, eine etwas andere Kultur hautnah zu erleben, in der Dinge anders sind und einen wundern, überraschen oder nerven. Zum Beispiel, dass man sich hier auf Zeitangaben schlecht verlassen kann und ich auf den Bus, meinen Klavierunterricht und andere ausgemachte Termine oft lange (!) warten muss. Oder merkwürdige Tatsachen die keiner Versteht, wie dass im Wohnheim auch zahlende Gäste nur dann übernachten dürfen, wenn sie Russen sind, egal, wieviele Zimmer frei sind, oder dass die Leute einfach ihren Müll überall hinwerfen. Aber auch die große Gastfreundschaft und Freundlichkeit, die man erfährt, wenn man mit jemandem Bekannt ist, oder Leute, die einen plötzlich auf Deutsch ansprechen, wenn man von seiner Herkunft erzählt (so wie heute Nacht in einem "Privattaxi"...) oder unerwartete Hilfsbereitschaft von Fremden, die einen sonst eher anstarren und unterkühlt oder abweisend aussehen.

Ich habe begriffen, dass Würzburg keine Großstadt ist, dass die Musikhochschule klein und familiär ist, was sowohl Vor- als auch Nachteile hat. Der Einblick in die harte, erbarmungslose russische Schule und vor allem die ungezählten Konzerte aller möglichen Gattungen haben meinen musikalischen Horizont sehr erweitert. Ob ichs bin, weiß ich nicht, aber ich fühle mich selbständiger und erfahrener. Und ich habe eine Sprache gelernt, die für mich früher auf ähnlicher Stufe mit Chinesisch stand. Wie kriegt man das hin? - einfach ein Schritt nach dem anderen... Natürlich war es hier nicht immer einfach, aber die allermeiste Zeit war sehr schön und ich habe es wirklich keine Sekunde lang bereut, hergekommen zu sein!

Ich kann nur jedem sehr sehr kühlschrank-heiß empfehlen und ans Herz legen, auch mal für längere Zeit ins Ausland zu gehen, wenns irgendwie möglich ist. Das Jahr ist in keinem Fall verloren, ich kann mir kaum einen Firmenchef vorstellen, der einen 22jährigen Grünschnabel einem 23jährigen Grünschnabel vorzieht, der ein Jahr im Ausland war, schon ein bisschen gelb geworden ist und dazu noch eine weitere Sprache ausbaufähig beherrscht. Und wann soll das schon möglich sein, wenn nicht jetzt im Studium? Später kommen so unpraktisch-sperrige Dinge wie Beruf, Beziehung, Kinder und ein Haufen Möbel ins Gegehe, vermutlich gepaart mit Bequemlichkeit und dem Verlangen nach Komfort und Geld.

Und wie gehts weiter? Ich studiere jetzt noch mindestens zwei Jahre in Würzburg, dann habe ich ein pädagogisches Diplom und einen künstlerischen Bachelor. Als erstes werde ich hoffentlich bald eine Wohnung finden, im Juli am Kindermusical "König David" mitwirken, mit der Kantorei nach Indien fliegen (und den ganz neugierigen sei verraten, dass ich auch eine gewisse Zeit auf Zypern weilen werde). Zunächst werde ich aber diesen Blogeintrag beenden und fünf Stunden warten, bis mein Flieger nach Frankfurt geht ((es ist noch nicht mal sieben und ich fühle mich wie Mitten am Tag, obwohl ich gleichzeitig müde bin, und ein bisschen Jetlag kommt demnächst auch noch dazu)), vielleicht meine Fotos sortieren und ganz vielleicht den bitteren, kalten, teuren Tee austrinken.

Ich danke allen kommentierenden und heimlich mitverfolgenden, regelmäßigen und sporadischen, mir bekannten und unbekanntern Lesern fürs Mitverfolgen und hoffe, ein bisschen unterhalten, informiert und vielleicht den Mund wässrig gemacht zu haben auf Russland, Sankt Petersburg, Abenteuer und klassische Musik.

Mein Auslandsjahr und Russland-Kühlschrank-Blog endet hier. Bis bald in der Hochschule, der Kantorei, im Café, einer Mail oer bei sonstigen Anlässen! Machts gut und seid lieb zu stammelnden Ausländern, denn Deutsch ist eine verdammt schwere Sprache.

 

eure Anne

PS:

Ein paar spezielle Perspektiven auf das Wohnheim mit seinen Waschgelegenheiten den Flughafen und einen Fußgängerweg. Hinter dieser unscheinbaren Tür verbirgt sich das International Office neben dem unlängst eine echte Antiquität zum Verkauf angeboten wurde...

 

 

 

Hallo Deutschland!

Freitag, 07.06.2013

Noch bin ich nicht zurück - aber fast! Bevor ich wieder aus dem Kühlschrank auftau(ch)e, werde ich mich aber nochmal schriftlich melden.

Was gibts diesmal: Hervorragendes Wetter mit handzahmen Tauben und Eichhörnchen, einen hochvirtuosen Straßenmusiker, der auf einem sehr speziellen Instrument Tschaikowski-Ballette spielt und sich eine goldene Nase verdient, einen wunderschönen russischen Garten, einen unerwarteten Umzug und ein bisschen "Asterix und Obelix"

Bei der Wetterverteilung über Europa ist ein kleines Missverständnis vorgefallen. Während Deutschland und Umgebung erst unter novemberlichen Temperaturen und dann unter Überflutung leidet, haben wir in Sankt Petersburg seit einem Monat Frühling, Sommer, Sonne und Wärme. Mit wenigen Ausnahmen, auf die ich später noch zu sprechen komme :-) Zeitweise lagen die Temperaturen sogar über denen von Athen und Zypern, und gestern hat meine Handyanzeige erstmals eine höhere Temperatur in Würzburg als in St. Petersburg angezeigt. In der letzten Zeit hatten wir jeden Tag Temperaturen deutlich über zwanzig, manchmal sogar über dreißig Grad. Wenn die Luftfeuchtigkeit hoch ist, fühlt es sich sogar noch heißer an.

In dem kleinen Park vor dem Wohnheim tümmeln und räkeln sich massenhaft ansehnliche und weniger ansehnliche Damen und Herren aller Altersgruppen in möglichst wenig Bekleidung, Sonnen sich, Lesen, Picknicken, führen Kinder und Hunde gassi und trinken Bier. Hier wimmelt es inzwischen übrigens von Hunden, und es scheint einen Wettbewerb in zwei Kategorien zu geben. Erstens: Wer hat den kleinsten Hund, zweitens: wer hat den hässlichsten Hund. Gestern wurde ich von einem Hund mit Aussehen, Form und Farbe einer vierbeinigen, aufgeblasenen Ameise angekläfft, und die Lautstärke des produzierten Gebells war erstaunlich, klang jedoch eher nach einer zu schnell abgespielten und verzerrten Aufnahme von normalem Hundegebell. Entsprechend der Hundefrequenz liegen auch überall Hundehaufen herum. Ich frage mich übrigens, wo die Hunde den ganzen Winter über gewesen sind. Die Kleinen kann man sich vielleicht im Hasenstall im Wohnungsflur halten, aber ab und zu ist doch mal ein normalgroßer und -förmiger Hund dabei. Neben den Hundehaufen ist der Park leider auch mit Müll überflutet. Wie ich schon öfter bedauert habe, ist hier überhaupt kein Umweltbewusstsein vorhanden. Wenn man Bier aus Plastikbechern trinkt, lässt man einfach alles auf der Wiese liegen, damit der nächste sich drüber freut. Man kann sich nur wundern!!

Die Tauben im Park sind ziemlich zutraulich.

Ach ja, und neben der Kälte hat sich übrigens auch die Dunkelheit verabschiedet! Einen nachtschwarzen Himmel habe ich schon länger nicht gesehen, das dunkelste ist im Moment eher so eine Art dunkleres Himmelblau, dessen Belichtungszustand nicht mehr die Benutzung des Wortes "hell" erlaubt, aber "dunkel" ists irgendwie auch nicht. Heute, am 7.6., ging die Sonne laut Internet um 4:37 auf und wird um 23:18 untergehen. Wobei mit dem Untergehen der Beginn des Untergehens gemeint sein muss. Das entspricht einer Tageslänge von 18 Stunden und 40 Minuten! Das macht sich bemerkbar: Wir schalfen alle weniger. Zum einen, weil es denkbar ungünstig ist, bei Helligkeit zu schlafen, zum anderen, weil man auch weniger Schlaf braucht und mehr Energie hat. Das ist echt praktisch!

Dieses Foto entstand am 28. Mai um halb zwölf Uhr nachts.

Ein bisschen Pech mit dem Wetter hatten dafür leider meine Eltern, als sie mich kürzlich für eine Woche besuchten. Ich vermute stark, dass das schlechte Wetter aus Deutschland an ihnen kleben geblieben ist. Pünktlich zu ihrer Ankunft hat es nämlich zu Regnen angefangen und ist ordentlich kalt geworden. Erfreulicher Weise hatten sie am Ende ihres Aufenthalts aber doch noch ein paar wärmere, sonnige Tage. Und im Museum ists ja wurst, obs draußen regnet, schneit, hagelt oder stürmt... Sie haben bei Olga übernachtet, da das Wohnheim ja leider als Hotel ausscheidet. Besichtigt haben sie es übrigens trotzdem, und besonders der weibliche Anteil des Elternbesuchs zeigte sich sichtlich betroffen und erschrocken über die lebensfeindlichen Zustände. Da kann ich nur sagen: Das muss man erst mal im Winter gesehen haben!

Ansonsten habe ich mit den beiden einem Vorsingen von Olgas Tochter Katharina in der Musikschule beigewohnt. Es war eine Prüfung zum Schuljahresabschuss (ja, hier haben alle Kinder schon Ferien, und zwar bis zum 1. September! Die armen berufstätigen Eltern!). Ich dachte eigentlich, Katharina würde da zehn Minuten singen und dann würden wir wieder gehen. Es stellte sich aber heraus, dass nicht nur sie, sondern auch noch zig andere Kinder singen würden, deren Anzahl schwer abzuschätzen war, den immer, wenn ich gehofft hatte, dass das letzte jetzt fertig war, ging die Tür auf und zehn neue kamen herein. Die Qualität der Sängerinnen (und einem Sänger) war sehr durchwachsen und reichte von "hielt sich am Flügel fest, um nicht von der Bühne zu fallen" über "verstimmte singende Säge" über "Kreis(ch)säge" bis hin zu ein paar Mädchen, denen man echtes Potential und anhörte und die auch Bühnenpräsenz besaßen. Katharina besaß meiner Meinung nach die beste Bühnenpräsenz und war auch eine der besseren Sängerinnen, vor allem hat sie sehr sauber gesungen. Leider sangen fast alle der Kinder extrem laut, vielleicht ist das die russische Schule? Das war weniger angenehm. Aber leise singen ist ja auch schwieriger. Manche der Mädchen haben außerdem die Prüfung mit einer Modenschau verwechselt. Wer die Gelegeheit hatte, zweimal aufzutreten, hat natürlich auch zwei hochexquisite Abendkleider getragen!

Olgas Tochter singt - ihr Kleid hat mir sehr gefallen

Anschließend sind wir alle zu Olga nach Hause gegangen und haben dort Borsch gegessen, die russische Nationalsuppe, deren Zubereitung anscheinend sehr aufwendig ist. Wie praktisch, dass Olgas Freundin Irina bereits seit Stunden in der Küche gestanden hatte. Ein bisschen Wodka mussten wir auch noch trinken, und die Suppe ist wirklich ziemlich lecker! Mit Weißraut, roten Beeten, Tomaten, Fleisch, allem möglichen anderen Zeug und viel Smetana (saurer Sahne).

Als das Wetter besser war, habe ich mit meinen Eltern einen Ausflug zum "Peterhof" gemacht, der Sommerresidenz des Stadtgründers. Ein paar Eindrücke:

Ein kleiner Teil des Gartens mit vielen Springbrunnen und vielen goldenen Figürchen (wer findet den Frosch?) mehrere angelegte Teiche und Seen gab es und ganz prächtige und gepflegte Blumengärten mit Tulpen und anderen Blumen Aber das spannendste war  ein zahmes Eichhörnchen, das mir aus der Hand gefressen hat! Da lässt sichs stundenlang spazieren gehen. Ob Peter I die Zeit dazu hatte, bleibt zweifelhaft. Man baut halt, weil mans kann.

Konzerte habe ich auch wieder fleißig besucht. Darunter waren:

Ein Orchesterkonzert und ein Klavierabend mit dem hervorragenden Dirigenten und Pianisten Vladimir Feltsman aus den USA. Im Orchesterkonzert spielte er als erstes ein hervorragendes Klavierkonzert von Bach, dirigierte zwei unbekannte, modernere Stücke und die Unvollendete von Schubert. Im Klavierabend spielte er eine Haydn-Sonate, die beethoven'sche Pathétique-Sonate und die vier Balladen von Chopin, auch alles überzeugend. Bei Gelegenheit: Zu empfehlen!

Im Rahmen meines Klavierabend-Abos hörte ich einen Pianisten Namens "Igor Uryash", er spielte ein paar Scarlatti-Sonaten, die Valses nobles et sentimentales von Ravel und den Carneval von Schumann. Meine Einschätzung: Nicht sehr grauenhaft, aber auch nicht herausragend. Würde ich bei Auswahl nicht unbedingt wieder anhören.

Ganz außergewöhnlich hervorragend war dafür ein Konzert im Konzertsaal des Marinskij-Thetarers, wo ich das letzte Mal 2011 bei meinem Test-Besuch gewesen bin. Der Konzertsaal hat die Bühne in der Mitte zwischen zwei "halben Amphi-Theatern" und besitzt eine extrem gute Akustik. Auf dem Programm standen viele interessante Stücke, unter anderem das Doppelkonzert von Brahms für Violine und Cello und das Klavierkonzert von Schumann. Der Dirigent war ein sehr junger Grieche, der gerade eine Anstellung als Assistent in Moskau erhalten hatte (Dimitris Botinis), der Pianist ein Italiener namens Frederico Colli, der wie ein junger Gott gespielt hat (und leider nur zwei Jahre älter ist als ich...). Wirklich ganz hervorragend, würde ich mir sofort wieder anhören! Da verzeiht man auch den etwas eigenwilligen Kleidungsstil des Pianisten im weißen Dirigenten-Frack.

Der Pianist ist zu erkennen

Noch ein herausragendes Konzert fand in der Philharmonie im Rahmen eines Sankt Petersburger Festivals "musikalischer Olymp" statt, bei dem auch ein Publikumspreis vergeben wurde. Es dirigierte ein Gewinner eines polnischen Dirigierwettbewerbs, Daniel Smith aus Australien, Solisten waren die Sängerin Elena Tokar aus der Ukraine und der Pianist Alexej Gorlatch aus Deutschland - beide Gewinner des ARD-Wettbewerbs. Auf dem Programm standen eine Mozart-Sinfonie, ein paar Arien und das 5. Klavierkonzert von Beethoven. Alle Musiker waren sehr gut, vor allem der Dirigent. Das unterhaltsamste aber war: Der Dirigent war extrem klein, geschätzt 1,50! Dafür sprudelte er aber über vor positiver, musikalischer Hüpf-Energie, hat das Orchester die ganze Zeit bei Laune gehalten, mit dem Publikum geschäkert, hinter sich, über sich, neben sich und vor sich dirigiert und herumgefuchtelt und so gewirkt, wie man sich Mozart selbst am Dirigentenpult vorstellt. Den Vogel abgeschossen hat die Tatsache, dass der Pianist auch nicht viel größer war. Es sah dann so aus, als ob zwei Kinder auf der Bühne stehen, zumal ja auch beide noch jung waren. Unterhaltsam und erstklassig musiziert - auch gerne wieder! Leider konnte ich nicht herausfinden, wer den Publikumspreis gewonnen hat, ich hab jedenfalls den Dirigenten gewählt.

Mit meinen Eltern war ich außerdem im obligatorischen Schwanensee von Tschaikowski, in einer (bezahlbaren) Aufführung im Konservatorium. Die Tänzer waren mittelmäßig, das Orchester auch (der Percussionist ist die ganze Zeit rein und raus gegangen, im Blech wurden rege Unterhaltungen geführt), aber wir hätten vielleicht nicht am Tag vorher ins Marinskij-Theater gehen und dort Evgeni Onegin mit so hervorragenden Sängern und einer so schönen Inszenierung ansehen sollen :-)

Zu guter Letzt noch eine weitere Pianistenempfehlung: Valery Kuleshov hörte ich mit einem Programm aus Tschaikowski und Rachmaninov. Erst gab es u.a. die bekannten Jahreszeiten von Tschaikowski. Die Stücke von Rachmaninov waren mir allesamt unbekannt und alle sehr virtuos. Es gab auch noch drei Zugaben (hervorragende La Campanella von Liszt), sehr viele Blumen, eine während des Konzertes gemalte Kohlezeichnung und viel Applaus. Heute werde ich ihn nochmal im Orchesterkonzert erleben, Schumann Klavierkonzert, bin gespannt! (Wo ich mich nochmal durch das Programm der Philharmonie lese, stelle ich gerade mit Bedauern fest, dass ich ein Konzert mit dem 1. Klavierkonzert von Beethoven verpasst habe... Tja...)

Ganz besonderen Hörgenuss bereitete mir übrigens ein Straßenmusikant. Hochvirtuos und musikalisch spielte er Bach und Tschaikovski-Ballette --- und zwar auf Weingläsern!! Ich habe die Video-Funktion meines Handys, die ich vor ein paar Tagen erstmals wahrgenommen habe (Lachend) eingesetzt und ein bisschen was aufgenommen. Der Kerl hat in den zehn Minuten, die ich zugehört habe, bestimmt ein halbes Vermögen eingenommen. Zu Recht! Sowas sieht man wirklich selten. Wers hören will:

Der Weinglasorgelspieler

Übrigens habe ich seit einer Woche ein neues Zimmer. Da saß ich nichtsahnend im Computerraum, als eine der Verwaltungsfrauen zu mir herkam und mir irgendwas von streitenden Chinesen erzählte, und ob ich nichts dagegen hätte, (allein) in ein anderes Zimmer zu ziehen, weil die Zimmer tauschen müssen, und zwar am besten sofort? Hatte ich nicht. Also packte ich meine sieben Sachen ein und hatte eine Stunde später ein anderes Zimmer. Das Licht ist besser, der Boden auch, allerdings habe ich keinen Schrank und kein Klavier, dafür aber drei Betten. Ist mir aber egal, für die paar Wochen räum ich doch den Krempel nicht wieder ein, und üben tu ich eh in den Überäumen. Zumal meine Eltern praktischerweise schon einen schweren Koffer mit Winterkleidung und Büchern von mir mit nach Deutschland genommen haben. Kurze Zeit später stellte man übrigens fest, dass meine Heizung ein Loch hatte und das Wasser ein Zimmer weiter Unten aus der Decke herauskam. Bravissimo. Also haben sie gleich einen neuen alten Heizkörper eingebaut. Brauch ich aber ja sowieso nicht mehr.

Meinen alten Heizkörper sah ich kurz darauf im Treppenhaus liegen. Sieht gut aus, oder?

Was das Herumscheuchen betrifft: in Russland kommt man sich manchmal vor wie Asterix und Obelix in "Asterix erobert Rom", wo sie im "Haus, das verrückt macht" ständig von einer Etage in die andere hetzen, um ein Formular zu bekommen, das sie für ein anderes brauchen, welches ohne das nächste nicht erhältlich ist und so weiter. So ähnlich ging es Petros und mir kürzlich im Konservatorium. Wir wollten versuchen, den Schlüssel zum Dachboden zu bekommen, wo man Tischtennis spielen kann. Also fragten wir eine der am nächsten sitzenden Flur-Koordinations-Frauen im vierten Stock, welche uns zum Türbewacher im Erdgeschoss schickte, welcher uns zur Pforte am anderen Eingang schickte, welche uns zur Flur-Frau im dritten Stock schickte, welche uns zur Flur-Frau im zweiten Stock schickte. Leider war die halbe Stunde inzwischen abgelaufen und wir hatten den Schlüssel immer noch nicht. Wie und wo man ihn bekommt, bleibt wohl ein Rätsel.

So siehts da aus. Hinter dem Vorhang gehts noch weiter, da üben oft Ballet-Tänzer. Aussicht aus einem der Bullaugen dort - das hier hatte keine Fensterscheibe.

Und auch hier im Wohnheim wurde ich nun schon dreimal in eines der Büros zitiert, um irgend einen zweiten (!) Vertrag zum Auszug zu unterschreiben, bis ich erfuhr, dass ich den längst unterschrieben hatte und man keinen zweiten braucht und das nur ein Fehler war. Ich warte ja darauf, dass ich doch noch irgendwas unterschreiben muss und der Fehler auch nur ein Fehler war.

Nächste Woche Montag und Dienstag mache ich eine Russischprüfung. Erst gibt es Grammatikaufgaben mit Multiple Choice, danach muss ich einen vorgelesenen Text schriftlich wiedergeben (meine orthographischen Kenntnisse beschränken sich auf die eines unterdurchschnittlichen Grundschülers, weil wir das nie geübt haben. Sprechen hatte natürlich Vorrang) und schließlich noch eine mündliche Prüfung über Themen wie "Mein Tag" oder "Das Konservatorium" oder "Meine Freunde" oder "Sankt Petersburg". Wenn ich sie bestehe, wird mir das bescheinigt, wenn nicht, passiert gar nichts. Gut, oder?

Und noch eine kleine mittelmäßig erfreuliche Erheiterung zum Schluss: Vor kurzem habe ich einen Brief aus Deutschland erhalten, der mir eigentlich zum deutschen Osterfest gesendet wurde. Leider war auch der Frosch nicht mehr drin. Habe mich aber trotzdem gefreut. Auf den Brief aus Australien von letztem Herbst warte ich schon gar nicht mehr, habe aber endlich mal eine Antwort abgeschickt. Ob die noch bis September dort ankommt?

Ich wünsche allen Lesern einen schönen Sommer, der bitte spätestens dann anfangen soll, wenn ich wieder da bin.

herzliche Grüße

eure Anne

Auf dem Damenklo. Ohne weiteren Kommentar. Im Park eine Werbung: 24 Stunden Liebe

An die Musik

Mittwoch, 22.05.2013

Liebe Musik- und sonstige Freunde,

es wird mal wieder Zeit, ein bisschen über das musikalische Geschehen und meinen Klavierunterricht zu schreiben.

Vor zwei Wochen konnte ich hier nochmal das Chopin-Klavierkonzert mit Orchester spielen, und diesmal habe ich sogar ein Video davon. Dirigiert hat Petros, das Orchester ist das Dirigierstudenten-Probenorchester des Konservatoriums. Ich habe ja schon oft im Dirigierunterricht zugehört und zugesehen. Dort anwesend sind neben seinem Professor immer zwei Korrepetitoren, die sämtliche Sinfonien und sonstige Orchesterwerke Prima Vista spielen, damit die Studenten dazu dirigieren können. Oder im Idealfall andersherum: Die Studenten dirigieren, und die Pianisten spielen dazu Lachend Petros hatte seinem Professor von unseren Konzerten in Deutschland erzählt, und er sagte, wir sollen die doch hier zusammen nochmal spielen, das wäre sehr lehrreich und nützlich für Petros. Das Chopinkonzert ist eines der am schwersten zu dirigierenden Klavierkonzerte, weil das Orchester fast nur begleitet und wenig Eigenständig spielt, oft nur Harmonie-Klangteppich und Einwürfe. Gleichzeitig aber muss es natürlich trotz schlechter Orientierung (mangels Inhalt) gut mit dem Pianisten zusammen sein, was bei den vielen langen Verzierungen und komponierten Temposchwankungen gar nicht so einfach ist - und diese koordinierende Arbeit muss der Dirigent leisten.

Zunächst haben Petros und ich für uns selbst geübt. Ich hab das Konzert aufgefrischt, er hat es aus Dirigentensicht einstudiert (nachdem er ja schon die 1. Geige gespielt hatte). Danach haben wir zu zweit gearbeitet: Ich habe gespielt, er hat dirigiert. Das ist sehr hilfreich für beide, besonders für den Dirigenten, denn so kann der Pianist ihm genau sagen, an welchen Stellen er besonders achtsam sein muss, wo er auf Einsätze oder Temposchwankungen achten muss, wo er nicht ganz exakt ist und so weiter. Im nächsten Schritt habe ich dann, begleitet vom zweiten Klavier, in Petros Dirigierunterricht musiziert. Das war sehr spannend für mich, denn ich habe ja wenig Ahnung vom Handwerk des Dirigieren und konnte so etwas besser verstehen, wie man an solche Aufgaben herangeht. Zwar merke ich, ob jemand gut oder schlecht dirigiert bzw. verständlich oder schwammig, aber woran das liegt, kann ich nicht genau sagen. Nun habe ich ein bisschen mehr verstanden, wie man zum Beispiel die Arme bewegt, wenn der Pianist eine lange Verzierung hat, die eine Taktzeit dehnt.

Der Meister erklärt beim Proben im Dirigierunterricht Das Dirigierzimmer

Petros' Dirigierprofessor ist super! Er spricht fließend Deutsch (allerdings recht schwer verständlich, und meistens zitiert er nur Opernlibretti), hat in Wien studiert, viele Jahrzehnte als Dirigent gearbeitet und gibt nun sein Wissen an ein paar Auserwählte weiter. Hoffentlich kann er das noch eine Weile machen, er sieht nämlich nicht mehr allzu jung aus Zunge raus Er ist immer sehr nett und zuvorkommend zu mir ("bravo Annitschka") und freut sich, wenn ich komme. Am Ende habe ich ihn um ein paar Ratschläge gebeten. Die Hauptaussage ist eigentlich meistens die gleiche: Das Spiel muss noch freier, improvisierter, fantasievoller klingen. Das würde ich mir auch selbst sagen, wenn ich meine Aufnahme kritisieren sollte. Aber der Punkt zwischen notentextgetreuem Spiel, rhythmusgetreuem Spiel, einem guten Gebrauch von Rubato und Dynamik, eigenen Ideen und dem Versuch, die Intention des Komponisten zu treffen, ist sehr sehr klein.

Schließlich hatten wir die Probe mit Orchester. Meine Klavierprofessorin kam zum Zuhören und sagte mir hinterher unter anderem, ich hätte zuviel Miniatur-Detail-Dynamik eingebaut (auf dem Video vermutlich weniger hörbar) und solle flächiger spielen. Dabei hatte ich mich doch so gefreut, endlich einen Flügel unter den Fingern zu haben, auf dem man überhaupt ordentlich Klangfarben und Dynamikunterschiede erzeugen kann. Die Proben mit Orchester dauern immer 40 Minuten, wir hatten also gerade die Zeit, das 35-minütige Konzert einmal zu spielen. Natürlich ist vieles daneben gegangen, im 3. Satz hat es uns sogar zweimal geschmissen (der ist auch am schwierigsten im Zusammenspiel und im Dirigat). Den Flügel testen konnte ich vorher auch nur fünf Minuten mit geschlossenen Deckeln, das Orchester spielt Prima Vista und ist angesichts der Mikro-Bezahlung auch ziemlich unmotiviert. Alles in Allem aber doch eine schöne Erinnerung.

Der Konzertsaal, wo die Orchesterproben stattfinden

 

Über meinen Klavierunterricht:

Ich habe in den letzten Wochen im Unterricht die 2. Paganini-Etüde von Liszt, die Sonate op.2.3 (C-Dur) von Beethoven und die ersten 10 der Visions fugitives von Prokofiev gespielt. Es ist gar nicht so einfach, den Anforderungen meiner Lehrerin gerecht zu werden. Spiele ich zu frei, soll ich dem Notentext folgen oder passend zur Komposition spielen. Folge ich dem Notentext, soll ich interessanter spielen. Befolge ich ihre Ideen, soll ich selber mal Fantasie zeigen. Baue ich meine Ideen ein, sind wir wieder bei Punkt eins: Ich spiele zu frei. Der Punkt in der Mitte ist, wie gesagt, nicht so leicht zu finden, zumal bei Komponisten, bei denen ich noch nicht so genau weiß, was "erlaubt" und üblich ist und was nicht. Wie eben jene, die ich im Augenblick spiele. Ich merke auch im Moment, dass trotz wachsendem Verständnis der russischen Sprache die Kommunikation längst nicht so ist, wie ich sie gerne hätte. Ich verstehe zwar, was meine Professorin sagt, möchte, erklärt, kann aber nicht so gut nachfragen, argumentieren, mich erklären und artikulieren oder gar diskutieren, so wie ich es sonst gerne tue. Mir gefallen auch nicht immer alle Ideen, die meine Professorin anbringt, und manchmal weiß ich nicht, ob das nun "nur" ihre Interpretation oder eher eine recht allgemeingültige Ansicht über Liszt/Beethoven/Prokofiev ist, die mir nicht geläufig ist.

Und ich habe auch ihr Lob-System noch nicht ganz durchschaut. Lob gibt es durchaus, sie sagt dann, dass schon viel Gutes da ist, dass ich mich verbessert habe und ähnliches, DASS ABER natürlich noch... Lächelnd Logisch, für dieses "Aber" gehe ich ja zum Unterricht. Ich kann aber schwer abschätzen, auf welchem Level sich ein Stück gerade befindet. Ob ich mich auf einer Skala von 1 bis 10 von einer Stunde auf die nächste eher von 2 auf 4 oder vielleicht von 3 auf 7 verbessert habe? Verbesserung ist natürlich immer irgendwie da, sonst wäre ich im Studium falsch, aber es gibt nie den Punkt, an dem ich gesagt bekomme - Ok, damit kannst du jetzt mal an die Öffentlichkeit gehen. Es wird immer da weitergearbeitet, wo ich gerade stehen geblieben bin, denn fertig ist man ja nie. Diese Ungewissheit ist ein bisschen unangenehm, weil ich mich immer in einem gewissen, haltlosen Schwebezustand wähne und nicht recht weiß, woran ich bin. Andererseits hält es einen natürlich dazu an, immer weiterzuarbeiten. 

Trotz dieser kritischen Gedanken ist der Unterricht nach wie vor sehr interessant. Besonders die Art und Weise, wie meine Lehrerin über Beethoven denkt und Unterrichtet, hat mir viele neue Ideen und Ansichten gebracht. Das sei keine Klaviermusik, sondern Orchestermusik, sagt sie. Und hat Recht damit! Da macht es natürlich einen gewaltigen Unterschied, ob ein Staccato von einem Horn gespielt oder von einer Geige gezupft wird, ob eine Linie erst von Streichern und dann vom Holz gespielt wird, ein Forte im Tutti oder von den Blechbläsern kommt. Wie verklingt ein Orchesterklang, wie imitiert man das mit dem Pedal und dem Wegnehmen der Hände? Wie agieren zwei verschiedene Stimmen, die vielleicht zwei kommunizierende Instrumente darstellen? Solche Überlegungen sind sehr spannend und erhellend. Überhaupt hat meine Lehrerin immer sehr fantasievolle Ideen, was die Musik bedeuten könnte, denkt sich kleine Bilder, Szenen, Geschichten dazu aus - und kann das alles auch sofort so eindrücklich am Klavier spielen, dass sich schlagartig meine Ansicht ändert, mir die Augen geöffnet werden, ich alles aus einem anderen Blickwinkel betrachte. Trotzdem gefallen mir die Ideen wie gesagt nicht immer, und ich soll ja auch eigene haben - doch wenn ich anders spiele, ist es oft auch nicht richtig. Nicht so einfach das Ganze. Und sehr schade, dass die Unterrichtszeit nur 60 Minuten beträgt, das ist echt ziemlich wenig.

Einer der Unterrichtsräume, am Flügel sitzend meine Lehrerin

Kürzlich bekam ich eine interessante Szene vor meinem Unterrichtsbeginn mit. Ein Junge von vielleicht 12 Jahren spielte eine anspruchsvolle Etüde, dem Alter entsprechend zielmich gut. Daneben saßen zwei Frauen, vielleicht die Mutter und Klavierlehrerin, und hörten zu. Meine Professorin gab Anweisung, der Junge versuchte, sie umzusetzen. Gesprochen hat er kein einziges Wort. Nach einiger Zeit sprach sie mit den beiden Frauen. Nach dem, was ich verstand, ging es etwa um folgendes: Der Kleine bereitete sich auf irgendeine wichtige Prüfung am Konservatorium vor (es gibt so eine Art Jungstudium, vielleicht hatte es damit zu tun), war aber offenbar noch nicht gut genug vorbereitet. Und er solle jetzt bitte jeden Tag sechs bis sieben Stunden üben, wobei ihn seine Eltern natürlich unterstützen sollen, soll gut essen, spazieren gehen und wenn ichs richtig verstanden habe nicht in die Schule gehen (?). Dem Jungen liefen dann irgendwann ein bisschen die Tränen runter, er bedankte sich artig (seine einzigen Worte) und die Leute sind gegangen. Er hat sich sicher ziemlich erschreckt über die harschen und extremen Forderungen. Und ich frage mich - ist es nicht besser, wenn ein Kind übt, weil der Lehrer den Ehrgeiz und Anspruch in ihm selbst geweckt hat und weil es dem Lehrer gefallen und imponieren will, statt weil es Angst vor ihm hat? Es macht einen Unterschied, ob man für den Lehrer übt, weil man ihn nicht enttäuschen möchte, oder weil man Angst vor Schelte hat. Vermutlich übt man im zweiten Falle mehr. Aber ob das Endergebnis besser ist? Immerhin bringen die Russen Massen hervorragender Musiker auf den Markt. Aber wieviele auf Kosten derer vorher am Druck gescheitert sind, weiß man nicht.

Weiterhin spannend war auch, was mir meine Lehrerin über das Konservatorium und die Intriegen erzählte. Sie sagte, alles sei sehr willkürlich und hänge von der Gunst einiger weniger Machtpersonen ab. Sie zum Beispiel habe im Moment gar keine Anstellung als Professur, die habe man ihr mal einfach so weggenommen, grundlos. Wenn sie nachfragt, sagt der Dekan (oder wer auch immer), die Kollegen wären dagegen. Fragt sie die Kollegen, sind alle sehr grinsefreundlich und sagen, der Dekan wär dagegen. Keiner gönne dem anderen etwas, alle sehen sich als Konkurrenten, und sie hat auch keine Lust, Konzerte zu veranstalten. Sie geht nur zum Unterrichten in die Räume und verschwindet danach wieder. In Moskau sei das deutlich besser, da hat sie studiert, aber wohl auch nicht Ideal. Der Professor von Petros wurde sogar für ein paar Jahre einfach so rausgeworfen und durfte dann wieder kommen. In Deutschland gibt es für sowas wenigstens Regelungen und Gesetze, zum Professor wird man berufen oder bewirbt sich. Bei Wettbewerben gehe es ähnlich zu. Na Prost Mahlzeit. Alles habe ich nicht genau verstanden, aber die Botschaft ist angekommen. Schon ein bisschen traurig und schade.

Aber es ist sehr spannend, für eine Zeit lang Teil dieses Systems zu sein und das russische Unterrichts-Gefühl zu erleben. Ich habe zweifelsohne sehr viel gelernt. Und noch ist meine Zeit nicht ganz vorbei...

 

Schöne Grüße aus St. Petersburg!

Moskau, Ostern, Nationalfeiertag und der Frühling

Mittwoch, 08.05.2013

Von einem überraschenden Moskau, einem Haufen spannender Feiertage mit Besucherströmen und nächtlichem Festmahl, von Schuhen auf einem Stromkabel und "Nudeln mit Sperma"

Was hatte man mir im Vorfeld über Moskau erzählt? Die Stadt sei nicht zu vergleichen mit St.Petersburg (das ja noch richtiggehend europäisch sei). Moskaus Architektur sei eine gänzlich andere, außerdem sei es unvergleichlich viel riesiger als St. Petersburg, die Straßen so breit, dass man das andere Ende kaum sieht, die Metro so voll, dass man erstmal zehn Minuten anstehen muss, bis man überhaupt die Rolltreppe runterfahren kann. Außerdem sei das Russisch unverständlich und die Leute alle ganz unfreundlich, im Café wird man rausgeworfen, sobald man halb aufgegessen hat, und überhaupt sei St. Petersburg viel schöner. Aber schadet ja nicht, mal in Moskau gewesen zu sein.

In Moskau hatte ich vor, mich mit meiner Schulfreundin Judith zu treffen, deren Cousin dort wohnt und arbeitet und bei dem wir schlafen konnten, anschließend plante sie noch ein paar Tage zur Besichtigung von St.Petersburg ein. Ich bin vom St.Petersburger Inlands-Flughafen geflogen, der so klein ist, dass man bei manchen Treppenhäusern nicht weiß, ob die in den Abstellraum oder zum Gate führen. Sie führen natürlich zum Gate!

Rollband am Flughafen St. Petersburg

Das Rollband war übrigens nicht angeschaltet...

In Moskau habe ich am riesigen Flughafen bei strahlendem Sonnenschein erstmal ein paar Stunden auf meine Freundin und ihren Cousin gewartet, dann sind wir zusammen mit Bus und Metro zu seiner kleinen Wohnung gefahren. Die Metro war leerer als in St. Petersburg und die Durchsagen sogar besser verständlicher. Das Netzwerk der U-Bahn allerdings übertrifft das St.Petersburger an Größe um ein Vielfaches. Hier die beiden Pläne: 

Metro St.Petersburg Metro Moskau

Ich hatte ganz vergessen, mich vorher nach dem Wetter in Moskau zu erkundigen und außerdem vergessen, dass das ja viel südlicher liegt. Während es in St. Petersburg kurz vorher ja noch geschneit hatte, war in Moskau der Frühling schon angekommen samt zweistelliger Plusgrade im angenehmen Bereich und viel Sonne! Leider konnte ich die Tage in Moskau nur halb genießen, weil ich mir aus St. Petersburg noch meine wunderschöne Erkältung vom Fußballspielen mitgebracht hatte inklusive grauenhafter Halsschmerzen und Husten. Pech gehabt... Am ersten Abend sind wir gleich ein bisschen durch die Stadt geschlendert und waren am berühmtesten Theater Russlands, dem Bolschoi-Theater,

Bolschoi-Theater

wo die erst kürzlich verstorbene Ehefrau des Cellisten Rostropowitsch, Galina Wischnewskaja, jahrelang gesungen hat. Weiter ging es zum Italiener in einer kleinen Fußgängerzone!!! Ich dachte ja, ich seh nicht recht. Judith und ich hatten unsere Koffer noch dabei, und sogleich kam jemand und hat sie uns abgenommen. Nix von wegen Unfreundlichkeit! Und das Essen war auch lecker. Anschließend gingen wir ins Theater. Ja, ins Theater, da, wo gesprochen wird! Es war nett anzusehen, verstanden habe ich leider gar nichts, was auch daran lag, dass wir relativ weit hinten saßen und ich damit beschäftigt war, nicht zu Husten. Und natürlich verstehe ich auch kein literarisches Russisch. Judith kann überhaupt kein Russisch, saß aber neben ihrem Cousin, der ihr ab und zu die groben Handlungsstränge eingeflüstert hat.

Wie ist mein Eindruck der Stadt? Moskau ist eine sehr schöne Stadt! Die Architektur empfand ich gar nicht als so sehr anders als in St. Petersburg, hängt es doch meistens davon ab, in welchem Stadtteil man sich befindet. Es gibt aber sehr viele verschiedene Baustile und sogar ein paar richtige Wolkenkratzer.

Wokenkratzer am Tag und bei Nacht

Ansonsten ist tatsächlich alles größer im Sinne von weitläufiger. Das U-Bahn-Netz hab ich ja schon erwähnt, und tatsächlich sind auch die Straßen breiter. Judith und ich wollten einmal eine Straße überqueren um zu einer Kirche zu gelangen, die dahinter lag. Leider war es uns nicht möglich, eine 6-8-spurige Einbahnstraße zu überqueren, deren dichter Verkehrsfluss von keiner Ampel (geschweige denn Fußgängerampel) gestoppt wurde, Zebrastreifen und Unterführung gabs auch nicht. Nachdem wir zehn Minuten gewartet hatten und sogar eine Moskauerin ratlos daneben stand, sind wir wieder umgedreht.

Unsere Verzweiflungs-Straße eine andere ganz normale Straße

Auch sauberer kam mir die Stadt vor. Es lag nicht so viel Müll herum und in den Gegenden, wo wir waren, gab es weniger verfallene und heruntergekommene Gebäude. Meine Russischlehrerin erzählte mir, dass die Stadt Moskau im russischen Vergleich wahnsinnig viel Geld verschlingt. Kann man sich vorstellen. Zu der Zeit wo wir in Moskau waren, herrschte übrigens "Malzeit", jawohl, ohne "h". Es wurde nämlich überall alles mögliche angestrichen. Wände in und an Häusern, Geländer, Bänke, Zebrastreifen, Zäune, sogar Treppenstufen. Dementsprechend hat es überall nach Farbe gerochen.

Was haben wir alles gesehen? Natürlich den berühmten "Roten Platz", der wirklich ziemlich riesig ist und umfasst von Gebäuden verschiedenen Stils. Auch das Grab / Mausoleum Lenins ist dort und gilt wohl als Publikumsmagnet, war aber nicht geöffnet. (vermutlich wurde er gerade einbalsamiert). Weiterhin waren wir in einer Fotoausstellung mit Fotos aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts, in einem Wissenschaftsmuseum des Max-Plank-Instituts, das aber vor allem gut aussah und die Informationen etwas verwirrt dargestellt hat, wir waren im Kreml, sind an der Moskau entlanggelaufen und über eine sehr futuristische Fußgängerbrücke spaziert. Wir waren in verschiedenen Einkaufszentren, die allesamt so riesig und verwinkelt sind, dass die Anne (die leider ohne Orientierungszentrum im Gehirn geboren wurde) sich schonmal ein bisschen verlaufen hat... Im Konservatorium waren wir auch und haben ein kleines Konzert besucht, außerdem im Kino im neuesten Film von Tom Cruise angeschaut, der mir ja aufgrund seiner Mitgliedschaft bei Scientology gänzlich unsympatisch ist und dessen Filme ich auch zielmich langweilig finde, und außerdem bin ich ein bisschen verzweifelt, weil ich von dem Englisch fast gar nichts verstanden habe! Die reden so undeutlich und leise. Da unterhalte ich mich seit einem Jahr auf Englisch und habe auch kein Problem, mit leuten aus England, Australien und den USA zu reden, aber die englischen Filme sind schwierig zu verstehen. Für mich jedenfalls. Einen sogenannten Park (Gorky-Park) haben Judith und ich auch durchwandert. Leider fiel der Park bei uns eher in die Kategorie "Straßenwirwarr mit begrünten Verkehrsinseln", so dass wir schnell wieder rausgegangen sind. Unter einem Park stelle ich mir keine zweispurigen, geteerten Straßen und Betonplätze vor.

Kleiner Konzertsaal des Konservatoriums Brücke über die Moskau Kirchen im Kreml Berühmteste Kirche im Kreml, die in St.Petersburg (mindestens genauso schön) nachgebaut wurde spezielle Fußgängerbrücke (ich frag mich, wie heiß es da drin im Sommer ist! Alles verglast!) Brücke von außen Der sogenannte Park Der Rote Platz immer noch der Rote Platz immer noch und ein Platz vor dem roten Platz Wissenschafts-Ausstellung Treppen im Einkaufszentrum Aussicht im Einkaufszentrum Ziemlich große Matrjoschka im Einkaufszentrum ganz oben. Judith ist im Fußboden eingebrochen, da sind wir lieber schnell wieder gegangen. Fotoausstellung mit gigantischem Schuh Kundenmagnets-Bedienung in einem Moskauer Restaurant

Judiths Cousin war sehr großzügig und hat darauf bestanden, uns überallhin einzuladen, weil wir ja arme Studentinnen sind. Seine Wohnung ist übrigens recht klein: Ein Zimmer mit geschätzt 18 qm, dazu eine sehr kleine Küche, ein noch kleineres Bad und ein Flur. Alles unrenoviert natürlich und im obersten Stockwerk ohne Aufzug. Dafür bezahlt er nach eigenen Angaben umgerechnet 700 Euro. Judith fragte recht geschockt, warum das denn nicht renoviert würde, dann wäre das doch eine super hübsche Wohnung. Antwort: Warum soll der Besitzer renovieren, wenn er es auch unrenoviert vermieten kann? Ja, warum auch.

Nach St.Petersburg wollten Judith und ich eigentlich mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren, um ein bisschen was von der Landschaft zu sehen. Leider war ein Eisenbahnticket aber so teuer wie zwei Flugtickets, so dass wir schließlich doch geflogen sind. Hier in St. Petersburg wars mit ein paar Grad dann wieder recht kühl, so dass ich Judith ein paar Klamotten geliehen habe. Mit ihrer Sommerausstattung war sie ein bisschen zu optimistisch. Zusammen haben wir in St. Petersburg auch noch einige Dinge unternommen. Das spannendste war die "Kunstkammer", das erste Museum St.Petersburgs, das Peter I, der Stadtgründer, aufgebaut hat. (Angeblich) um den Leuten die Angst vor Monstern zu nehmen hat er eingelegte, missgebildete, menschliche und ein paar tierische Föten und Körperteile gesammelt und ausgestellt und die Menschen dann mit der Aussicht auf ein kostenloses Glas Wodka dazu gebracht, sich das auch anzugucken. Bei mir überlag das Interesse bei weitem dem Ekel. Ausgestellt waren tote Babys in allen vorstellbaren Größen, mit zwei Köpfen, vier Armen, Siamesische Zwillinge, mit nur einem Auge, auch einzelne Organe oder Köpfe waren ausgestellt. Wenn man sowas sieht kann man sich schon vorstellen, woher die Fantasien über Fabelwesen stammen.

Judith und ich beim Kuchen esse

Außerdem waren wir bei Olgas 50. Geburtstag. Der lief nicht ganz so ab, wie es bei uns in Deutschland vielleicht der Fall wäre. Leute kamen und gingen, wann sie wollten, und wenn jemand ankam, bekam er was leckeres zum essen. Olga war die ganze Zeit sehr beschäftigt und ist durch ihre Wohnung gewirbelt, hat Leute begrüßt und verabschiedet, Blumen, sehr sehr viele Blumen entgegen genommen, abgespühlt, Gäste bewirtet, telefoniert... Aber sie hat sich sehr gefreut, dass Judith und ich gekommen sind.

Inzwischen ist auch endlich, endlich bei uns der Frühling angekommen! Wie meine Russischlehrerin so schön sagte - in Europa geht das alles schön langsam, Schritt für Schritt, in Russland warten die Leute Monatelang und PENG ist Frühling. Tatsächlich bin ich in den letzten Tagen zum ersten mal mit meiner leichten Sommerjacke rausgegangen ohne zu erfrieren, die ersten Knospen an den Bäumen öffnen sich, das Gras in den Parks wächst, die Leute sind mit Fahrrädern, Inline-Skates und Skateboards unterwegs und es schneit nicht mehr, sondern regnet! Und auch das sehr selten, meistens scheint die Sonne. Und zwar zielmich lange! Die Weißen Nächte sind schon spürbar. Laut Internet geht die Sonne um 5:27 auf und um 22:23 unter, wobei zumindest die nächtliche Uhrzeit auf jeden Fall den Beginn des Sonnenuntergangs kennzeichnet, denn auch um elf Uhr nachts ist es noch ziemlich hell. Dieser Winter war sicher der härteste meines Lebens, ich hatte schon vergessen, wie die Welt aussieht, wenn was Grünes aus dem Boden wächst.

grüüüüüüüüüüüüüüüüüüün!

Konzerte hab ich natürlich auch wieder fleißig besucht. Vor einigen Tagen war eine Delegation aus Zypern hier, die ein Theater veranstaltet hat (im wörtlichen Sinne). Welches ich leider nicht gesehen habe, weil mein Gewissen mich im Konservatorium ein Triokonzert hat anhören lassen, in dem eine angeblich total tolle, berühmte Cellistin spielen sollte (die schon mit Richter aufgetreten ist) und der Direktor des Konservatoriums. Die Cellistin war wirklich sehr gut, der Direktor des Konservatoriums (Geiger) hat mir weniger gefallen. Er sieht ziemlich unheimlich aus, hat leider eine recht unübersehbare Narbe an der Lippe (sieht aus wie eine schlecht verheilte Gaumenspalte) scheint nie zu lachen, hat einen ganz stechenden, bohrenden Blick, und so überragend toll hat er auch nicht gespielt. Die Machtpositionen im Konservatorium sind sowieso ein ganz eigenes Thema, meine Klavierlehrerin hat mir da mal ein paar recht schockierende Geschichten erzählt, ich werde demnächst berichten. Jedenfalls waren wir mit den Zyprern, die übrigens allesamt hervorragend Englisch und ab und zu sogar Deutsch sprechen, im Marinskij-Theater und hörten einige einsätzige Ballete von Strawinskij und einem von Prokofiev, die allesamt ganz hervorragend waren.

Marinskij-Theater die billigsten Plätze (da saßen wir nicht mit den Zyprern)

Außerdem habe ich gleich zweimal "La Traviata" gehört bzw. gesehen: Einmal im Marinskij-Theater und einmal im Konservatorium.

So ein Himmelbett will ich auch. Allerdings will ich nicht drin dahinsiechen wie Traviata

Letztere Aufführung beinhaltete mehrere Abschlussprüfungen - vom Dirigenten und einigen Sängern. Darunter auch die von Petros' unsauberem Wohnungsmitbewohner und Bariton Joseph. Petros hatte die Generalprobe mitgehört und berichtete danach recht entsetzt, dass sich alle über Joseph lustig gemacht hätten, weil er bedauerlicherweise sehr grauenhaft gesungen habe. Unsauber, nicht im Rhythmus, nicht mit dem Orchester zusammen. In der Aufführung konnte ich mich davon dann selbst überzeugen - und laut Petros sang er da noch um Klassen besser. Neben mir saß Petros' Dirigierprofessor (sein Schüler dirigierte), der ja auch deutsch spricht, und beschwerte sich bei mir über Joseph ohne auch nur das dünnste Blatt vor den Mund zu nehmen. Ich finde, Joseph hat keine schlechte Stimme, aber man hört ihr leider an, dass sie nie trainiert wird. Tatsächlich hört man Joseph nie üben. Alles was er (im Wohnheim) tut ist schlafen, duschen, im Computerraum sitzen und Kochen / Essen. Nach wie vor hinterlässt er in der Küche immer großen Saustall, im Kühlschrank stehen übelriechende Essensreste und aus seinem Zimmer dringt der verlockende Geruch eines pupertierenden 15jährigen, der seit Wochen weder gelüftet noch aufgeräumt hat. Vergleichbar riechts auch, wenn er gekocht hat. Nach eigenen Angaben hat er kürzlich "Nudeln mit Sperma" gegessen. Wir haben ihn gefragt, was da so ekelhaft riecht. [Vielleicht würde ihm mein Handy gefallen. Bei automatischer Worterkennung schreibt es nämlich statt "piano lessen" immer "porno lesson".] Erstaunlicherweise hat er eine Freundin, die auch sein Zimmer betritt und darin übernachtet. Schwer vorstellbar. Wir mutmaßen schon, ob er sie vielleicht bezahlt Zunge rausJoseph ist nicht verkehrt, aber wenn man mit ihm zusammenlebt, vergeht einem bald die Lust auf Kommunikation...

Pfanne von Joseph ;-)

Petros Zimmerbewohner Andreas bereitet sich weiterhin auf seine Aufnahmeprüfung vor und übt wie ein Besessener. Seit ich hier bin immernoch dieselben Stücke: Den Kopfsatz der ersten Beethovensonate, Präludium und Fuge d-moll Band I von Bach und zwei Moszkowski-Etüden. Sein Ehrgeiz und Durchhaltevermögen ist bewundernswert, ebenso wie die Tatsache, dass er es so lang mit so wenigen Stücken aushält. Genau deshalb aber sind Petros und ich in recht großer Sorge, weil wir ihn im Prinzip für ein Klavierstudium ungeeignet halten. Er will es aber unbedingt und offenbar um jeden Preis. Sollte er bestehen, wird es danach nicht leichter werden, denn hier sind alle halbe Jahr Prüfungen vorgeschrieben inklusive Repertoire, welches natürlich immer schwerer wird. Unter anderem muss man nach einigen Semestern eine romantische Sonate spielen. Mir fällt keine ein, die Andreas im Moment spielen könnte. Aber vielleicht irre ich ja. Ansonsten ist er ein hervorragender Bäcker und Koch versorgt uns immer wieder mit Köstlichkeiten, vor allem Brownies. Ich könnte drin baden. Achja, und kürzlich hat er mir beim "Jungle-Speed"-Spielen ein Stück Finger rausgerissen, die Narbe sieht man immer noch. Und es war nicht das erste Mal! Seitdem hab ich Angst, mit ihm zu spielen. Ich brauch meine Finger noch...

Kuchen von Andreas

Letztes Wochenende war hier übrigens das orthodoxe Ostern, welches für Griechen und Russen gilt. Üblicherweise sind die 40 Tage vorher Fastenzeit, man ernährt sich Vegan. In Russland ist das schwer möglich, aber wenigstens die drei Tage vorher wollte Petros das versuchen. Aus Interesse und Solidarätit hab ich mitgemacht. Es ist wirklich ziemlich ungemütlich, in Russland vegan zu leben. Überall ist Fleisch, Fisch, Ei, Käse, Quark oder Milch drin. Ich glaube, wir habens nicht ganz konsequent geschafft, aber einigermaßen wenigstens... Der Wille zählt! Samstag Nacht nach 24 Uhr haben wir alle eine Suppe aus Reis und Ei mit Hühnchen gegessen, die Andreas gekocht hat und die man in Zypern üblicherweise zu Ostern isst. Kurze Zeit später steht dann immer in der Zeitung, wieviele Zyprer nachts ins Krankenhaus gegangen sind, weil sie sich überfressen haben Lachend Außerdem gab es natürlich massenhaft Kuchen, vor allem einen russischen Oster-Kuchen, der eigentlich nur aus Hefeteig besteht. Er heißt Pascha (Pas-cha), was gleichzeitig auch Ostern bedeutet. Und unsere süße Russischlehrerin hat uns in der nächsten Russisch-Stunde verzierte Eier und ausgestochene Plätzchen mitgebracht, die sie mit ihrer zehnjährigen Tochter gebacken hat! Am Ostersonntag wollten wir schön essen gehen. Leider war das erste Wahlrestaurant irgendwohin verzogen und das zweite war geschlossen, im dritten haben wir dann einen Platz bekommen irgendwo hinten ohne Fenster und sie haben uns in großem Zeitabstand das Essen gebracht, das von Petros war netterweise schon kalt (er hats reklamiert). Da sag noch einer, in Moskau sei der Service schlecht. Und geregnet hats auch noch an dem Tag. Aber was solls Zwinkernd

Festmahl Samstag Nacht Mit den anderen Zyprioten. Sie haben sich noch bis vier unterhalten, ich habe mangels Verständnis irgendwann kapituliert und bin schlafen gegangen.

Am 9. Mai war schon wieder Feiertag, man kam aus dem Feiern kaum raus. Und zwar russischer Nationalfeiertag, an dem das Ende des 2. Weltkriegs gefeiert wird. In Deutschland kann man den Nationalfeiertag ja bestens verpassen, in Russland ist das nicht möglich. Schon Tage vorher ist die ganze Stadt mit Fähnchen, Straßengirlanden und Werbeplakaten geschmückt, außerdem laufen am Tag selber viele Leute mit rot-schwarzen Bändchen rum, die sogar auf den Bussen aufgeklebt sind (und ich dachte erst noch, das wären Aids-Schleifen). Es gab eine Militärparade am Nevskij-Prospekt und der Eremitage, die Petros und ich angucken wollten. Leider haben wir nicht allzu viel gesehen, weil so unglaublich viele Leute da waren. Ich war noch nie an Karneval in Köln, aber ich vermute, die Verhältnisse sind ähnlich. Man konnte kaum vorwärts gehen, die Leute sind sogar auf Bäume geklettert um etwas zu sehen! Aber immerhin dabeigewesen sind wir.

Ja wo wollen die alle hin? (Metro) Menschenmassen und alles voller Soldaten(m)ärsche...hihi Nationalfeiertags-Schmuck

Nächsten Dienstag haben Petros und ich die Probe mit dem Orchester und spielen zusammen das Chopinkonzert. Ich bin gespannt! Lustigerweise hat er kürzlich in einem Konzert die erste Geige eines Quintetts gespielt, welches beide Chopinkonzerte in Kammerbesetzung aufgeführt hat. Pianistin war eine seiner Lehrerinnen. Eine ziemlich alte Dame, die mit Noten gespielt hat und mindestens so viele Töne weggelassen oder falsch gespielt hat wie richtig Unschuldig Bei einer Probe war ich anwesend und hätte fast gefragt, ob denn der Pianist kurzfristig abgesagt hat und sie das jetzt vom Blatt spielt, damit die Probe nicht ausfällt? Manchmal hat sie nicht mal die richtige Harmonie gespielt. Im Konzert war es dann aber doch ganz schön, vor allem bewundernswert bei ihrem Alter.. Etwas langatmig wars dennoch, sie hat nämlich bis auf die Mittelsätze fast alles im halben Tempo gespielt.

Nun komme ich auch gerade von einem Konzert im Konservatorium zurück - Das Ballett Dornröschen von Tschaikowski. Das schönste daran war folgendes: In Russland ist es üblich, als Zuhörer nach dem Konzert an/auf die Bühne zu gehen und einzelnen Künstlern Blumen zu überreichen. Als sich die Tänzer gerade verbeugten, tapste ein ganz kleines Mädchen von vielleicht drei Jahren auf die riesige Bühne, einen Strauß im Arm, halb so groß wie sie selber. Von entzückten "Ooh" und "Aah"-Rufen begleitet überreichte sie ihn einer Tänzerin, die sich brav verbeugte. Da machte doch das kleine Mädchen tatsächlich einen kleinen Ballett-Knicks! Das Publikum konnte sich kaum noch halten vor Verzückung! Und die Kleine ist nicht von der Bühne abgerückt, bis sie noch einen dicken Kuss von der Tänzerin bekommen hatte. 

Noch ein paar einzelne Bilder:

Ein Tor, an dem ich jeden Tag mit dem Bus vorbeifahre so sieht die Metro von innen aus Andreas hat mich unfreiwillig frisiert... Feuerkünstler auf einer Verkehrsinsel Mein Klavier-Unterrichts-Raum (etwas weiter rechts) Ausflug: Auf der Suche nach dem Meer...ein Kanal. Was hängt da oben links im Bild? tatsächlich... wie die da wohl hingekommen sind?? so siehts also am Rand von St. Petersburg aus und so und so wir fanden einen neuen Hafen, aber zum Meer war wie schon an anderen Stellen leider alles abgeriegelt. Das ist nur eine Pfütze Aber spazieren gehen konnte man immerhin :)

 

Es grüßt aus St.Petersburg wie immer herzlich

eure Anne

 

PS: Ich bin schon fleißig auf Wohnungssuche in Würzburg. Falls einer was läuten hört, gerne bei mir melden!

 

 

 

Schnee Ade

Sonntag, 28.04.2013

Von einem himmlischen Aprilscherz, einer tore-schießenden und Liszt-spielenden Anne, dem Ende der Vokabelkarten, Erlebnissen in Bus und Bahn und ein paar neuen russischen Besonderheiten

Ende März und Anfang April war ich mal wieder in einigen Konzerten.

Zum Beispiel habe ich das Violinkonzert von Tschaikovsky gehört, eine Beethoven-Sinfonie und Wagner-Ouvertüre mit dem Dirigenten Jean-Claude Casadesus (erste Sahne). Dann Beethovens 4. Klavierkonzert, dargeboten von einer feenhaften, sehr kleinen Pianistin, die manchmal so leise gespielt hat, dass ich es in einer der ersten Reihen kaum noch gehört habe, anschließend die 5. Sinfonie von Tschaikovsky. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass man mit einer Triangel ein Vibrato erzeugen kann Lachend. Und in meinem Klavierabend-Abo-Konzert hörte ich Miroslav Kultyshev. Er spielte erst die späten Beethoven-Bagatellen, dann die Fantasie von Schumann und schließlich alle vier Chopin-Balladen. Nach den letzten recht enttäuschenden Klavierabenden war dieser mal wieder richtig hervorragend gut und genießbar. Bewundernswert fand ich auch: In der 3. Ballade hat er mal kurz den Faden verloren, hat das aber so geschickt überbrückt und überspielt, dass es vermutlich nur die Menschen gehört haben, die das Stück schonmal gespielt haben.

Außerdem gibt es hier in der Philharmonie immer wieder Konzerte mit Bysantinischer Musik, zu einem davon bin ich mit Petros hingegangen. Das Konzert war bis auf alle Stehplätze ausverkauft. Petros hatte eine Karte, ich aber nicht, und ich wollte schon wieder nach Hause gehen - da kam der Mensch aus der zyprischen Botschaft, der unser Geigen-Klavier-Konzert organisiert hat, und hatte zufällig noch eine Freikarte für mich! Im Konzert hat man gleich gemerkt, dass das Publikum ein anderes ist als sonst. Viele ältere Frauen mit Kopftuch und Gefolge. Es gab wohl auch eine Fernsehübertragung. Jedenfalls waren in einer Ecke ein paar Stuhlreihen durch ein großes Fernsehteam ersetzt worden, dem eine Krankamera solchen Ausmaßes angehörte, dass der Kamerman aufpassen mussste, nicht die Kronleuchter abzuschlagen. Ab und zu schwebte der riesige Kran dicht über unseren Köpfen vorbei. Das Konzert gestalteten zwei Männerchöre mit Bysantinischen Gesängen. Es war ziemlich lang und anstrengend, weil ich ja keine Ahnung von dieser Musik habe und für mich alles gleich klang. Und vom Text verstanden hab ich natürlich auch nichts. Die zweite Konzerthälfte war aber deutlich schöner als die erste, weil der Chor viel besser war :-) Nach dem Konzert wollte Petros unbedingt noch hinter der Bühne und seine Landsleute begrüßen. Leider hatten die sich merkwürdigerweise in Luft aufgelöst, so dass wir eine ganze Zeit lang in den Eingeweiden der Bühne herumgeirrt sind. Es war aber spannend zu sehen, wie die aussehen! Unter anderem entdeckten wir ein Schild "Garderobe Männer", vermutlich für die Münchner Philharmoniker, die kurze Zeit später ein Konzert geben sollten (welches wir aufgrund von Wucherpreisen allerdings nicht gehört haben).

Nachdem der Schnee Ende März endlich mal zu schmelzen begonnen hatte und man am Nevskij-Prospekt schon die ersten fremdsprachigen Touristen hören konnte, hat sich das Wetter pünktlich zum 1. April über uns lustg gemacht. Es hat nämlich den ganzen Tag volles Rohr geschneit. Der dauernde Wechsel von Schnee, Regen und Tauwetter hat ein paar erstaunliche Bilder hervorgebracht:

Ende März: Spaziergang an der Neva, noch halb bedeckt mit Eis Ein Angler angelt. Ob der Fisch aus der Dreckbrühe wirklich essbar ist?? Tauwetter: Der Weg zum Wohnheim... ...und der angrenzende kleine Park... ...haben sich in einen See verwandelt. 1. April. Fand ich nicht so witzig.  Aber das ständige Gefrieren und Schmelzen erschaffte echte Eiskrallen die ich aus dem Fenster vom Überaum entdeckte. Sie hielten nur wenige Stunden. Die Regenrinnen brechen alle zusammen, denn die Last des Eises können sie nicht tragen.

Eines Spätnachmittags bin ich mit Petros spontan zum Meer gefahren - und zwar mit der Straßenbahn. Die Fahrt dorthin war schon ein Erlebnis. Über die Urzeitlichkeit der Straßenbahn habe ich früher schonmal berichtet. Nach und nach stiegen alle Leute aus, wir fuhren weiter bis zur Endhaltestelle, vorbei an kahlen Feldern und Datschas. Schon innerhalb der Stadt war es kalt, aber dort draußen fühlte es sich an wie mindestens minus zehn Grad, der Wind war unglaublich schneidend und kalt!

Das Meer - zugefroren!! Trotz des warmen Wintermantels hab ich die ganze Zeit furchtbar gefroren

Den Rückweg haben wir übrigens mit einer Marschrutka vorgenommen (Sammeltaxi-Kleinbus), die unübertrieben dreimal so schnell war wie die Straßenbahn.

Kurz darauf war Zeitumstellung. Jedenfalls im größten Teil von Europa. Russland hat sie vor ein paar Jahren abgeschafft. Dummerweise hat der Wecker auf meinem Handy das nicht begriffen, und so bin ich eine Stunde zu früh aufgestanden, um mich morgens in den Übeplan einzutragen. Statt kurz vor acht war ich also schon kurz vor sieben da. Am Wochenende... Und ich war nicht die einzige! Hätte nicht eine russische Uhr an der Wand gehangen, hätten wir die Überäume zu dritt unter uns aufgeteilt, nicht ohne uns zu wundern, warum heute alle gleichzeitig beschlossen haben, auszuschlafen. Übrigens habe ich mir extra einen Funkwecker aus Deutschland mitgebracht. Er weigert sich allerdings kategorisch, die russische Zeit anzuzeigen. Das mit den Zeitzonen kapiert er nicht, obwohl es mir ab und zu durch magisch-hypnotische Geduld gelungen ist, die Zeit zu verstellen. Hat aber nicht lang gehalten. War aber auch kein besonders teurer Wecker Lachend

Ansonsten habe ich ein paar meiner "Lebensprinzipien" über Bord geworfen. Ich hab einen Teil meiner dreckigen (Lieblings-)Wäsche mit der Hand gewaschen, weil ich den russischen Waschmaschinen nicht vertraut habe. Allerdings nicht besonders oft, denn das ist erstaunlicherweise echt ziemlich anstrengend. Wenn man eine halbe Stunde lang Kleidungsstücke ausgewrungen hat, hat man am nächsten Tag Muskelkater...

Weiterhin habe ich mein Vokabelkarten-Lernsystem beendet, weil ich keine Lust mehr hatte, die Vokabeln da draufzuschreiben. Obwohl ich mir aus Deutschland extra welche mitgebracht hatte. Immerhin habe ich die selbst ausgeschnittenen größtenteils verbraucht. Ab jetzt tuts auch ein Vokabelheft, andere Leute schaffens auch, damit zu lernen.

Drittens: Ich habe Fußball gespielt! Und! Tore! Geschossen! Wobei ich zugebe, dass das nicht so allzu schwierig ist, wenn der Torwart grad nicht da ist, man einen Meter vorm Tor steht und einem der Ball zugespielt wird. Wir waren nur eine Hand voll Spieler (Chile, Mexico, Enland, Deutschland, Zypern, China), allesamt Musikstudenten aus dem Wohnheim, hier in der Nähe gibt es einen Sportplatz. Dummerweise hatte es nur fünf Grad und ich habe mir eine ziemlich unangenehme Erkältung zugezogen, die sich noch immer nicht verabschiedet hat und mir meinen Trip nach Moskau recht vermiest hat, aber dazu demnächst mehr...

Last but not least: Ich spiele Liszt und Beethoven! Wer meine musikalische Entwicklungsgeschichte kennt, weiß, dass das ein kleines Wunder ist, denn beide Komponisten habe ich bisher noch nicht recht verstanden und die Stücke sind mir außerdem zu schwer. Grins. Eigentlich hatte ich ja vor, nach meinen Konzerten endlich russische Literatur zu spielen. Ich habe auch welche geübt, besonders ein spezielles Rachmaninov-Prélude, traue mich aber nicht, das vorzuspielen, weil es sehr schwer ist und ich im Unterricht immer uneingespielt spielen muss. Das ist bei dem Stück recht unmöglich für mich (es-moll-Prélude aus op. 23, wen es interessiert). Nach dem ganzen romantischen Schmalz des letzten halben Jahres hatte ich außerdem keine Lust mehr auf seelenerschütternden Weltschmerz. Dazu kam, dass ich meiner Lehrerin eine (sehr sehr tolle!) Etüde von Dohnanyi vorgespielt habe und sie kommentierte, ich soll doch lieber mal eine "nützliche" Etüde spielen (für Wettbewerbe), also von bekannten Komponisten. Vor besagter Liszt-Etüde drücke ich mich schon seit einem Jahr. Es handelt sich um die zweite aus den Paganini-Etüden, und die hat entspannender Weise quasi keinen Inhalt Unschuldig sondern besteht nur aus ein paar wenigen Harmonien und Themen, ausgeschmückt und aufgeblasen mit Verzierungen, Oktaven, Akkorden und allem, was sonst noch schwer ist. Insgesamt ist es aber eine entzückendes Bravourstück, das auch Spaß zu spielen macht. Von Beethoven übe ich die Sonate in C-Dur op. 2,3. Die ist echt schwer, jedenfalls, wenn man sie gut spielen will, was ich vorhabe. Erfreulicher Weise haben sich aber ein paar Stellen im letzten Satz, die mir vor einem Jahr unspielbar erschienen, inzwischen doch als machbar herausgestellt. Ich werde an demnächst Stelle nochmal von meinem Klavierunterricht und ein paar Anekdoten meiner Lehrerin berichten.

Am 17.4. bin ich für ein paar Tage nach Moskau geflogen und habe mich dort mit einer Schulfreundin getroffen, deren Cousin praktischeweise in Moskau wohnt und arbeitet. Davon werde ich im nächsten Blogeintrag berichten, ich will hier nicht den Einzel-Blogeintrag-Längen-Rahmen sprengen. Lieber noch ein paar Kurz-Kolumnen:

 

Seit ich hier mit dem öffentlichen Nahverkehr herumfahre, habe ich ein paar interessante Erlebnisse in selbigem gehabt, von denen es sich lohnt, sie (noch)mal zu erzählen:

- Schon ganz zu Beginn bin ich zusammen mit Olga in der U-Bahn gefahren, meine Russischkenntnisse beliefen sich noch auf recht genau null. Als wir da standen und fuhren, beobachtete ich eine sehr alte Oma, die mir aus irgendeinem Grund interessant erschien. Irgendwann sprach sie mich an, und Olga erzählte mir, sie hätte gefragt, ob ich Tänzerin oder Künstlerin sei und neu in St. Petersburg? Olga hat sie dann aufgeklärt und sie wünschte mir viel Glück. Erstaunlich, oder?

- Ein anderes Mal saß ich mit Petros in einer Marschrutka auf dem Weg nach Hause, und er studierte gerade die Partitur irgendeiner Sinfonie. Der Bus war voller stehender Leute. Einer davon war ein älterer Herr, der uns immer wieder anschaute und mit Blick auf die noten wissend-väterlich anlächelte, vor allem mich. Mehr Kommunikation kam gar nicht zu stande, aber mich hätte sehr interessiert, ob er Musiker war oder ist, und was er wohl gedacht hat? In der kurzen Zeit entstand eine besondere Bindung zwischem dem Mann und uns Studenten, irgendwann sind wir ausgestiegen. Aber er ist mir bis heute in Erinnerung geblieben.

- Als ich mal spät in der U-Bahn unterwegs war, fuhr im selben Wagen eine Mutter mit kleinem Kind und stockbesoffenem Vater (vermutlich) herum, der nicht mal mehr ordentlich sitzen konnte, dauernd eingeschlafen ist und sich sogar an seiner kleinen Tochter abgestützt hat. Das arme Kind. Und vor kurzem habe ich miterlebt, wie ein recht bulliger Mann einen Besoffenen aus der U-Bahn geworfen hat. Er hat ihn an einer Haltestelle gepackt, zur Tür gedrückt und gesagt "wir steigen jetzt aus." Mit "wir" meinte er natürlich "du". Zum Glück hat der Besoffene sich nicht gewehrt und ist brav ausgestiegen. Wozu stehen eigentlich zehn Wachen an jeder U-Bahn-Station, wenn sie doch jeden durchlassen?

- Nochmal in der Marschrutka: Wiedermal war sie propenvoll, ich hatte zum Glück einen Sitzplatz, da kam ein Vater mit Kind herein. Wenn man nett ist, steht man für Kinder auf, aber nur, wenn sie auch noch jung sind Zwinkernd Ich hatte nicht hingeschaut und stellte erst nach einiger Zeit fest, dass das Mädchen noch ziemlich klein war. Da erschien es mir aber auch blöd, jetzt plötzlich doch noch aufzustehen, und ich beschloss, dass sie jetzt halt mal stehen konnte. Das Kind stand mit seinem Vater direkt neben mir und kam mir immer näher. Irgendwann flüsterte der Vater ihm was ins Ohr, und kurz darauf saß die Kleine quasi auf meinem Schoß. Ob absichtlich oder aus Platzmangel, hab ich nicht ganz kapiert, geredet hat sie jedenfalls nicht mit mir. Ich habe dann irgendwann nur mal gefragt, ob ich bitte aussteigen darf :-)

- In einem Kleinbus, in dem ich direkt am Eingang saß und neben mir einen Platz auf einem erhöhten Podest frei hatte, stieg eine junge, gehbehinderte Frau ein. Sie hatte eine Einkaufstasche dabei und bemühte sich, auf den Sitz zu klettern. Kurzerhand und kommentarlos nahm ich ihr die Tasche ab und sie setzte sich. Auch das Geld fürs Ticket habe ich für sie dem Busfahrer gereicht. Als Dankeschön hat sie mich ein paar mal so herzlich und freundlich angelächelt, dass mir das den ganzen Tag versüßt hat, obwohl wir auch hier quasi nicht miteinander gesprochen haben. Beim Aussteigen hat sie sich dann noch winkend von mir verabschiedet. Klingt relativ langweilig, aber solche Momente können etwas ganz besonderes sein!

- Als ich mal im Linienbus zum Russischunterricht fuhr, setzte ich mit im Bus neben einen älteren Mann, der eine Zeitschrift las. Irgendwann sprach er mich an und wedelte mit seiner Zeitschrift herum. Ich dachte, er kanns nicht lesen und ich soll ihm helfen. Es stellte sich aber heraus, dass er mir unbedingt etwas über die Klimakatastrophe erzählen wollte oder sonstige Umweltthemen, leider hab ich nämlich nur ungefähr 5% verstanden. Er erzählte vom Nord- oder Südpol, von irgendwelchen Katastrophen, dann von der Sonne und dem Weltraum. Irgendwann hat er kapiert, dass ich Ausländerin bin und fragte, was ich hier mache. Als ich sagte, dass ich am Konservatorium studiere, legte er gleich los, dass er ja auch Sänger ist und blablablabla, und obwohl ich keine Lust hatte so zu tun, als würde ich da jetzt was verstehen und das auch recht deutlich gezeigt habe, hat er die ganze Zeit ununterbrochen geredet, wohl vermutend, dass ich kaum was davon kapiere. Bis er recht plötzlich einfach ausgestiegen ist.

 

Russische Besonderheiten:

In fast jedem Restaurant und Café hängen mehrere Flachbildschirmfernseher, auf denen mehr oder weniger passende, aber durch die Bank langweilige Sendungen laufen. Von Tom und Jerry über Musikvideos bis hin zu zusammenhanglosen Bildern über Wiesen, Straßen und geschlachtete Tiere (!) gibts alles...

In Russland ist man "dumm oder ahnungslos  wie eine Teekanne" Zunge raus

Hier in St. Petersburg gibt es sehr häufig überall in der Stadt verteilt "Theaterkassen", an denen man Karten für die Konzertsäle der Stadt kaufen kann. Es gibt sie in der Metro, an öffentlichen Gebäuden oder einfach als kleine Kiosks mitten auf der Straße.

Mit Fremdsprachen... ...habens die Russen nicht so :-)  Eines von zahlreichen Einkaufszentren in St. Petersburg In der obersten Etage gibts meist einen Haufen Fast-Food-Restaurants.

Demnächst folgt dann noch ein Bericht über Moskau und ein paar andere spannende Begebenheiten der letzten Zeit.

Es grüßt herzlich aus St. Petersburg bei sieben Grad eure Anne

 

 

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